Die Geschichte von Glooskap
Glooskap und sein Bruder Malsum, der Wolf, waren Zwillinge. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt, und aus ihrem Körper formte Glooskap die Sonne und den Mond, die Tiere, die Fische und die Menschen. Sein boshafter Bruder aber machte die Berge, die Täler, Schlangen und alle Arten von Beschwerden für die Menschen. Die Brüder waren beinahe unsterblich, und es gab nur eine einzige Möglichkeit, sie zu töten. Malsum fragte Glooskap, wodurch er sterben könne. Der ältere Bruder, der die Aufrichtigkeit des anderen testen wollte, erwiderte, nur durch die Berührung mit einer Eulenfeder oder mit einer blühenden Binse könne er sein Leben verlieren. Malsum seinerseits gestand Glooskap, dass er einzig und allein durch den Schlag mit einer Farnwurzel getötet werden könne. Der heimtückische Wolf nahm seinen Bogen und erschoß eine Eule, und während Glooskap schlief, berührte ihn sein Bruder mit einer Feder, die er aus dem Flügel des Vogels gerissen hatte. Glooskap verschied auf der Stelle, aber zum Ärger Malsums erwachte er wieder zum Leben.
Malsum gab keine Ruhe, das Geheimnis seines Bruders herauszufinden, um ihn bei der nächst besten Gelegenheit zu vernichten. Glooskap erklärte ihm daraufhin, dass er nur durch eine Kiefernwurzel getötet werden könne, und während er schlief, erschlug ihn sein Bruder mit einer Kiefernwurzel. Glooskap aber stand lachend auf und trieb Malsum in den Wald. Er selbst setzte sich an einen Fluss und murmelte vor sich hin:” Nur eine blühende Binse kann mich töten Das sagte er aber nur, weil er wusste, dass Quahbeet, Großer Biber, sich in den Fluten nahe des Flussufers versteckt hatte und jedes Wort hören konnte. Großer Biber ging sofort zu Malsum und verriet ihm das große Geheimnis. Der boshafte Malsum war darüber so froh, dass er dem Biber alles versprach, was er sich nur wünsche. Aber als das Tier ihn bat, ihm Flügel wie eine Taube zu geben, brach Malsum in höhnisches Gelächter aus und rief: ”He, du mit dem Schwanz einer Feile, wozu brauchst du Flügel?” Darauf wurde der Biber zornig. Er ging zu Glooskap und gestand ihm, was er getan hatte. Nun wurde Glooskap wütend, grub eine Farnwurzel aus, rannte in den tiefsten Wald, suchte nach seinem treulosen Bruder und erschlug ihn mit der Farnwurzel.
Als Glooskap die Welt vollendet hatte, schuf er den Menschen und die kleineren übernatürlichen Wesen, wie zum Beispiel Feen und Zwerge. Er formte den Menschen aus dem Stamm einer Esche und die Elfen aus deren Rinde. Er richtete zwei Vögel ab, die ihm die Nachrichten aus aller Welt überbringen sollten. Da diese jedoch oft zu lange abwesend waren, wählte er schließlich einen schwarzen und einen weißen Wolf zu seinen Dienern aus. Er führte einen heftigen Vernichtungskrieg gegen die bösen Ungeheuer und Hexen, die den Menschen Schaden zufügten. Er ebnete die Hügel und unterwarf sich die Naturgewalten, denn er konnte sich so groß wie ein Riese machen. Aber zu den Menschen war er gütig und nachsichtig und sah humorvoll über ihre Schwächen hinweg.
Einmal knöpfte er sich den riesengroßen Zauberer Win-pe vor, einen der mächtigsten und einflussreichsten üblen Gestalten, die damals auf Erden wohnten. Win-pe machte sich so groß, dass er die größte Fichte des Waldes überragte, aber Glooskap lachte und machte sich noch größer, so dass er bis zu den Sternen reichte. Dann tippte der Zauberer ganz sanft mit dem Stumpf seines Bogens an, woraufhin dieser tot zu seinen Füßen sank.
Obwohl Glooskap viele Ungeheuer vernichtete und dem Vormarsch der bösen Mächte Einhalt gebot, wurden die Menschen nicht besser oder klüger. Im Gegenteil, je mehr er für sie tat, desto schlimmer wurden sie, bis sie zuletzt einen solchen Grad von Schlechtigkeit erreichten, dass der Gott beschloss, die Welt für immer zu verlassen. Da ihm aber die Wesen, die er geschaffen hatte, nicht gleichgültig waren, gab er ihnen noch eine letzte Chance. Er verkündete, dass er in den nächsten sieben Jahren jedem von ihnen jeglichen Wunsch erfüllen wolle. Viele wollten nun von diesem Angebot profitieren, aber es war äußerst schwierig, Glooskaps Aufenthalt ausfindig zu machen. Diejenigen, die ihn fanden und unvernünftige Wünsche äußerten, wurden streng bestraft, während diejenigen mit vernünftigen Wünschen reichlich belohnt wurden.
Vier Indianer, die sich auf die Suche nach Glooskaps Wohnsitz gemacht hatten, gelangten in ein Land, das so entzückend und bezaubernd war, dass man es sich nicht hätte schöner vorstellen können. Als sie von dem Gott gefragt wurden, was sie hierher führte, antwortete der eine, dass er ein böses Herz habe und leicht in Wut gerate und dass er sich wünsche, bescheiden und fromm zu werden. Der zweite, der ein armer Mann war, wünschte sich Reichtum, und der dritte, der von niedriger Herkunft war und von den Angehörigen seines Stammes verachtet wurde, wünschte sich, von allen geachtet und angesehen zu sein. Der vierte war ein eingebildeter Mann, der sich seines guten Aussehens voll bewusst war und an dessen äußere Erscheinung man bereits seine Eitelkeit erkennen konnte. Obwohl er groß war, hatte er sich Fell in seine Mokassins gestopft, damit er noch größer wirke. Er wünschte sich, der Größte seines Stammes zu sein und Jahrhunderte lang zu leben.
Glooskap nahm vier kleine Schachteln aus seinem Medizinbeutel, gab jedem eine davon und bat, sie sollen die Schachteln erst öffnen, wenn sie zu Hause wären. Als die ersten drei nach Hause kamen, öffnete jeder seine Schachtel und fand darin eine Salbe von unübertrefflichem Duft, mit der sie sich einrieben. Der böse Mann wurde bescheiden und geduldig, der arme wurde reich, der Verachtete wurde ehrbar und angesehen. Der Eitle aber hatte unterwegs in einer Waldlichtung angehalten, hatte seine Schachtel hervorgeholt und sich mit der Salbe eingeschmiert. Sein Wunsch wurde auch erfüllt, aber nicht in der Art, wie er es erwartet hatte …
… Er wurde in eine Kiefer verwandelt, die erste ihrer Art und damals der größte Baum des Waldes … |